

Die Bio-Viehwirtschaft stellt mit ihrer spezifischen Tierhaltung und -fütterung besondere Ansprüche an die Tiere. Aufgrund einer wenig entwickelten eigenständigen Zucht werden bislang auch auf Bio-Höfen meist konventionelle Rassen eingesetzt. Die Haltung konventioneller Hochleistungsrassen führt jedoch vor allem bei der Tiergesundheit zu Problemen. Deshalb erfordert der Öko-Landbau eine Tierzucht mit eigenen Zielen: Lebensleistung, Vitalität, Mehrfachnutzung und die Anpassungsfähigkeit an sich verändernde (Umwelt-)Bedingungen. Mit einer vielfältigen standortangepassten Züchtung kann sie Alternativen zu einseitiger Hochleistungszucht und dem Einsatz biotechnischer Methoden entwickeln und einen Beitrag zum Erhalt der genetischen Vielfalt leisten.
Da es seit Beginn der Ökologischen Landwirtschaft keine eigenständige Öko-Tierzüchtung gab, waren und sind die Bio-Betriebe auf konventionell gezüchtete Tiere angewiesen. Doch die konventionelle Züchtung zielt einseitig auf kurzfristig erbrachte Hochleistung. Dies führt zu zahlreichen Problemen, die sich z.B. in einer verminderten Fruchtbarkeit, vermehrter Krankheitsanfälligkeit und einer kürzeren Lebensdauer der Tiere zeigen, und in der Folge auch zu ökonomischen Einbußen [1; 2; 3]. Die Genotypen, die unter konventionellen Bedingungen die besten Leistungen erbringen, sind nicht identisch mit den besten Tieren für den Öko-Landbau [4]. Denn der systemische Ansatz der Bio-Betriebe mit standortangepasster Tierhaltung, hofeigenem Futter und artgerechten Haltungsbedingungen stellt besondere Herausforderungen an die Tiere, woraus sich spezifische Zuchtziele im Sinne eines umfassenden ökologischen Gesamtzuchtwertes [5] ableiten lassen: Verlässliche Lebensleistung im Gegensatz zu kurzfristiger Maximalleistung, hohe Grundfutteraufnahme und gute Futterverwertung, Mehrfachnutzung, Robustheit, Vitalität, Sozialverhalten und eine Anpassung an sich verändernde (Umwelt-)Bedingungen, z.B. Futterangebot oder Wetterverhältnisse. Eine eigenständige ökologische Tierzucht ist daher grundsätzlich sehr bedeutsam. Aufgrund des hohen Aufwands in der Tierzucht bei im Verhältnis geringen Tierbeständen und den (noch) nicht verfügbaren Tieren steht diese aber erst am Anfang. Anzustreben sind dabei verschiedene Rassen mit ausgeprägter genetischer Biodiversität, die der Vielfalt an Betriebstypen, -größen und Standortvoraussetzungen gerecht werden [6]. Zum Teil bestehen Überschneidungen zu den Zuchtzielen (bäuerlicher) konventioneller Landwirtschaft: Die Freilandeignung von Legehennen ist auch für die konventionelle Freilandhaltung bedeutsam. Konventionell wirtschaftende Landwirte erkennen zunehmend die (wirtschaftliche) Bedeutung der Lebensleistung in der Rinderzucht [7].

Bestimmte Entwicklungen in der industriellen Tierzucht widersprechen sowohl den ethischen Grundsätzen des Öko-Landbaus als auch des Tierschutzes allgemein. So führt die einseitige Selektion auf Hochleistung zu Verhaltensstörungen, wie beispielsweise Federpicken und Kannibalismus bei Legehennen [1]. Bei Mastgeflügel treten Knochendeformationen auf, die arteigenes Verhalten unmöglich machen, es handelt sich um so genannte Qualzucht [1; 8]. Die auf einseitige Maximierung der Legeleistung zielende Zucht von Legehennen-Hybriden führt zur Tötung der männlichen Küken unmittelbar nach der Geburt, in Deutschland sind dies jährlich ca. 50 Millionen Küken [8]. Auch die immer kürzer werdende Nutzungsdauer von Milchkühen ist u.a. züchtungsbedingt - heute lebt eine Kuh der Rasse Holstein Friesian (HF) durchschnittlich weniger als fünf Jahre. Sie erreicht so weder den Zeitpunkt ihres Leistungsmaximums nach ausgereifter Entwicklung noch annähernd ihre natürliche Lebensspanne [2].
Eine ökologisch ausgerichtete Zucht wählt demgegenüber Ziele und Methoden, die ethisch, ökologisch und ökonomisch langfristig tragbar sind und mit denen Tiere angemessene Leistungen sowie eine hohe Produktqualität hervorbringen können. So verbietet die EU-Öko-Verordnung den Einsatz von Embryotransfer sowie gentechnischen Methoden [1]. Die Verfügbarkeit geeigneter Tiere wird jedoch durch die industrielle Zucht erschwert; bei den Schwarzbunten Rindern (HF) stammen z.B. bereits ca. 80 % aller Bullen aus Embryotransfer [2].
Jede Woche stirbt weltweit mindestens eine Nutztierrasse aus, wodurch ihr Erbgut unwiederbringlich verloren geht. Der Großteil der Tierbestände setzt sich aus wenigen Hochleistungs-Tierrassen zusammen [9]. Hinzu kommt, dass das Erbgut einzelner Hochleistungstiere durch künstliche Besamung zigtausendfach vermehrt wird, so dass auch die Diversität innerhalb einer Rasse bzw. Art gefährdet ist. Eine zunehmend monopolisierte Zucht bspw. beim Geflügel verstärkt die hiermit verbundenen Risiken [10; 11]. Eine bäuerliche Zucht direkt auf den (Bio-)Betrieben würde demgegenüber zum Erhalt und Ausbau der Vielfalt beitragen [8].
Einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Biodiversität leistet der Ökologische Landbau durch die Haltung bedrohter Nutztierrassen, wie dem Angler Sattelschwein [4]. Die alten Rassen eignen sich zum Teil sehr gut für die standortangepasste ökologische Bewirtschaftung: So führt z.B. die Weidehaltung von Hinterwälder Rindern zu einer viel geringeren Narbenverletzung von steilem Grünland. Generell führen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die spezifischen Anforderungen von Verarbeitung und Konsumenten jedoch auch im Öko-Landbau dazu, dass nicht vorrangig alte Rassen eingesetzt werden (können) [9].
Eine ökologische Tierzucht steht vor vielfältigen Herausforderungen. In Deutschland beschäftigen sich z.B. im Rahmen des Tierzuchtfonds und des Bundesprogramms Ökologischer Landbau [12] verschiedene Projekte mit ökologischen Tierzucht-Konzepten. Eine Alternative zur Tötung de r männlichen Küken bei den Lege-Hybriden ist das Zweinutzungshuhn, welches sich zugleich für die Eier- wie die Fleischproduktion eignet [8]. Die artgemäße Form der Fortpflanzung bei den Rindern ist der Natursprung, der sich u.a. positiv auf die Fruchtbarkeit auswirkt [13]. Der Ökologische Gesamtzuchtwert zielt auf die Erhöhung von Nutzungsdauer und Lebensleistung und legt keine einseitigen Höchstleistungen für Milch- bzw. Fleischerzeugung fest. Von der ökologischen Züchtung können wichtige Impulse auch in die konventionelle Landwirtschaft ausstrahlen. So belegen Untersuchungen, dass mittlere Leistungsniveaus auch aus ökonomischer Sicht am wirtschaftlichsten sind und bäuerliche Betriebe unabhängig von der Bewirtschaftungsform nach Alternativen zu industriellen Hochleistungstieren suchen [4].
[1] Idel, A. und M. Mathes (2004): Die falschen Ziele. Warum die Tierzucht ökologisiert werden muss. In: Agrarbündnis e.V. (Hrsg.): Kritischer Agrarbericht 2004, Rheda-Wiedenbrück/Hamm, S. 197 -202, http://www.kritischer-agrarbericht.de/fileadmin/Daten-KAB/KAB-2004/
Idel-Mathes.pdf
[2] Postler, G. und G. Schmidt (2004): Linienzucht mit Kuhfamilien. BLW 29, S. 32
[3] Rahmann, G. (2004): Ökologische Tierhaltung. Eugen Ulmer Verlag, Stuttgart
[4] Institut für ökologische Wirtschaftsforschung, Öko-Institut e.V., Schweisfurth-Stiftung, Freie Universität Berlin, Landesanstalt für Großschutzgebiete (Hrsg.) (2004): Agrobiodiversität entwickeln! Handlungsstrategien für eine nachhaltige Tier- und Pflanzenzucht. http://www.agrobiodiversitaet.net/site/page/home/home.php
[5] Postler, G. (2003): Ein Anfang für die ökologische Schweinezucht. Ökologie & Landbau 128, H.4, S. 26-27, http://www.orgprints.org/1675/
[6] Schmidt, G. (2003): Auf dem Weg zu einer ökologischen Tierzucht. Ökologie & Landbau 128, H.4, S. 6-10, http://www.orgprints.org/1901/
[7] Postler, G. (2005): Auf die richtigen Gene kommt es an. Langlebigkeit durch Zucht beeinflussen. In: Langlebige Kühe produzieren, LW Verlag Hessen, S. 15-23
[8] Rusche, B. und R. Kolar (2003): Qualzucht in der Landwirtschaft. Neue Herausforderungen für den Tierschutz. In: Agrarbündnis e.V. (Hrsg.): Der Kritische Agrarbericht 2003, Rheda-Wiedenbrück/Hamm, S. 230-233, http://make-sense.org/fileadmin/Daten-KAB/KAB-2003/Rusche_Kolar.pdf
[9] Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. (GEH) http://www.g-e-h.de/geh-lit/faltbl1.htm
[10] Petschow, U. und A. Idel (2004): Das globale Huhn. Prokla, Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, 34/2, S. 263-285
[11] Weißmann, F. (2000): Fleischerzeugung im Einklang mit Umwelt und Gesellschaft. Prinzipien, Möglichkeiten, Spannbreite. In: Bundesanstalt für Fleischforschung (Hrsg.): Fleisch im Umfeld von Ökologie und Nachhaltigkeit. Kulmbacher Reihe, B.17, Kulmbach, S. 1-20
[12] http://www.tierzuchtfonds.de/projekte/index.php
[13] Roeckl, C., B. Rusche und F.-T. Gottwald (2005): Gesunde Leistung. In Agrarbündnis e.V. (Hrsg.): Der kritische Agrarbericht 2005, Rheda-Wiedenbrück/Hamm, S. 126-130, www.kritischer-agrarbericht.de/fileadmin/Daten-KAB/KAB-2005/Roeckl_et_al.pdf