11. Wie werden die Tiere auf Bio-Betrieben gehalten? Ökologische Haltungssysteme sind artgerecht

Eine artgerechte Tierhaltung ist im ökologischen Landbau ein zentrales Anliegen. Die Tiere haben in der Regel eine vielfältiger gestaltete Umgebung mit Tageslicht und frischer Luft und mehr Platz als in konventioneller Tierhaltung. An Bio-Tieren werden weitaus weniger schmerzhafte Eingriffe vorgenommen, wie z. B. das Kürzen des Schnabels. Masttieren wird mehr Zeit zum Wachsen gelassen. Artgerechtere Haltungsbedingungen können allerdings auch im ökologischen Landbau im Konflikt mit wirtschaftlichen Zielen stehen und stellen an die Halter häufig erhöhte Anforderungen bei der Tierbetreuung und der Einhaltung guter Hygienebedingungen.

Bio-Tiere haben mehr Platz und leben meist in kleineren Gruppen

Für Bio-Tiere ist durchgehend ein wesentlich höheres Platzangebot vorgeschrieben als in der konventionellen Haltung, damit sie ihre arteigenen Verhaltensweisen besser ausleben können. So stehen einem Bio-Mastschwein im Vergleich zur EU-Richtlinie für die konventionelle Haltung eine mindestens doppelt so große Stallfläche und zusätzlich eine Auslauffläche im Freien zu [1; 2]. Während es für konventionell gehaltene Milchkühe und Mastbullen keine speziellen Rechtsvorschriften gibt, müssen Bio-Rinder regelmäßigen Auslauf erhalten und dürfen nur in Ausnahmefällen in kleinen Betrieben, in denen Weidegang oder regelmäßiger Auslauf gewährt wird, in Anbindeställen gehalten werden. Für Geflügel, das konventionell überwiegend in riesigen Ställen mit Zehn- bis Hunderttausenden von Tieren gehalten wird, gelten in der ökologischen Haltung Obergrenzen von 3.000 Legehennen bzw. 2.500 Puten pro Einheit. Häufig sind die Tiergruppen in der Praxis noch deutlich kleiner [3]. Das erleichtert die Übersicht und Betreuung der Tiere ebenso wie das Freilandmanagement.

Bio-Tiere dürfen raus

Auch der generell vorgeschriebene Zugang zur Weide oder zumindest zu einem befestigten Auslauf an frischer Luft erhöht die Lebensqualität für Bio-Tiere. Die klimatischen Bedingungen und der Zustand des Bodens erlauben es allerdings nicht immer, Zugang zum Freiland zu gewähren. Geflügel, das insbesondere früh im Leben hohe Temperaturansprüche hat, muss mindestens ein Drittel seines Lebens solchen Zugang erhalten. Darüber hinaus schreiben die Bio-Verbände in ihren Richtlinien prinzipiell sogenannte Wintergärten für Hühner und Puten vor, in denen sich die Tiere auch bei widriger Witterung an der frischen Luft aufhalten können [4]. Schweine und andere Masttiere dürfen nicht länger als ein Fünftel ihrer Lebenszeit in reiner Stallhaltung gehalten werden.

Mehr artgerechte Verhaltensmöglichkeiten für Bio-Tiere

Der Aufenthalt im Freien und das größere Platzangebot tragen dazu bei, Verhaltensanomalien zu vermeiden. Im Freiland können die Tiere außerdem artgemäßer Nahrung suchen und aufnehmen. Durch die obligatorische Stroheinstreu und das Angebot von Raufutter (» Frage 12) werden auch im Stall Beschäftigungsmöglichkeiten geboten (wie z. B. für das angeborene Wühlverhalten von Schweinen). Die in der konventionellen Schweinehaltung überwiegend vertretenen einstreulosen Vollspaltenbuchten sind in ökologischen Betrieben ebenso verboten wie Käfige für Legehennen. Um Sozialverhalten zu ermöglichen, werden Öko-Sauen unabhängig von der Bestandsgröße in Gruppen gehalten, außer kurz vor dem Abferkeln und meist während der Säugephase. Ihre Ferkel werden frühestens nach 40 Tagen von ihnen getrennt, während konventionelle Ferkel schon nach 21–28 Tagen Säugezeit abgesetzt und in einen anderen Stall gebracht werden.

Bio-Masttiere dürfen langsamer wachsen

Ein konventionelles Masthähnchen bzw. -huhn wird lediglich 28–40 Tage alt, bevor es geschlachtet wird. Das schnelle Wachstum hat für die Tiere erhebliche gesundheitliche Nebenwirkungen [5] (» Frage 8). In der ökologischen Mast werden langsamer wachsende Tiere eingesetzt, denen außerdem mehr Gelegenheit zur Bewegung gegeben wird. So gelangen die Tiere erst nach einer etwa doppelt so langen Mastzeit zur Schlachtung.

Längere Lebensdauer als Ziel

Bio-Legehennen werden dagegen normalerweise nicht älter als konventionelle Hennen. Auch im Bio-Landbau werden Hybrid hennen eingesetzt, deren Leistungsvermögen sehr hoch ist (» Frage 8). Mit einem Alter von ca. 1,5 Jahren sinkt ihre Legeleistung jedoch stark und sie werden geschlachtet. Nur einige wenige Öko-Betriebe halten die Tiere nach der Mauser noch etwa ein weiteres halbes Jahr. Daher ist eine längere Nutzungsdauer ein viel diskutiertes Zuchtziel für Öko-Hennen. Ob dies erreichbar ist, ist allerdings fraglich, denn entsprechende Zuchtaktivitäten sind schwierig und kostspielig [5] und die niedrigeren Legeleistungen machen die Eier teurer. Auch die Bio-Milchkuh wird im Durchschnitt nur wenig länger gehalten als die konventionelle Milchkuh. In der Schweiz konnte gezeigt werden, dass Maßnahmen der Bestandsbetreuung und Gesundheitsvorsorge durch die Milchviehhalter binnen relativ kurzer Zeit zu signifikanten Anstiegen der Nutzungsdauer führten [6]. Hier bestehen weiterhin große Herausforderungen an eine verbesserte Haltung und Fütterung der Tiere, aber auch an die Zucht.

Eingriffe wie das systematische Kupieren der Schwänze bei Schweinen sind im Öko-Landbau verboten
Eingriffe wie das systematische Kupieren der Schwänze bei Schweinen sind im Öko-Landbau verboten

Weniger Verhaltensprobleme - weniger schmerzhafte Eingriffe

Eingriffe am Tier wie Enthornen, Kupieren der Schwänze, Abschleifen der Zähne oder Stutzen der Schnäbel werden in der konventionellen Landwirtschaft routinemäßig durchgeführt, um gegenseitigen Verletzungen der Tiere unter den restriktiven Haltungsbedingungen vorzubeugen. In der ökologischen Tierhaltung ist das systema tische Durchführen dieser Eingriffe verboten. Bei wiederkehrenden Verletzungen ist die Erteilung von Ausnahmegenehmigungen für einzelne Betriebe möglich. In solchen Fällen sind Verbesserungen bei den Haltungsbedingungen, dem Management und der Zucht notwendig. Eine deutliche Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit zeigt sich allerdings bei der Enthornung von Rindern. Zwar sind auf Bio-Betrieben häufiger behornte Tiere anzutreffen als auf konventionellen, aber in fast der Hälfte der Herden werden die Kühe enthornt. Lediglich auf Demeter-Betrieben tragen fast alle Kühe Hörner. Die Haltung horntragender Herden ist machbar, aber mit hohen Ansprüchen an Stallgestaltung und -abmessungen sowie an die Tierbetreuung verbunden [7]. Ein Teil der Bio-Milchviehhalter wird zukünftig höchstwahrscheinlich auf Tiere züchten, die von Geburt an keine Hörner haben. Insgesamt werden an Bio-Tieren weit weniger schmerzhafte Eingriffe vorgenommen als an konventionell gehaltenen und zudem wird den Tieren ein artgerechteres Leben geboten. Diese großzügigeren Haltungsbedingungen stellen häufig an die Halter höhere Anforderungen bei der Tierbetreuung und dem Erhalt guter Hygienebedingungen und sie verursachen höhere Kosten. Auch in der ökologischen Tierhaltung gilt es also, Konflikte zwischen den (wirtschaftlichen) Möglichkeiten der Betriebe und einer optimalen tiergerechten Haltung zu lösen. Weitere Verbesserungen sind hier sicherlich möglich. Dennoch – wem artgerechte Tierhaltung wichtig ist, der hat guten Grund, Bio-Produkte zu kaufen.

Quellen, weiterführende Literatur und Links:

[1] Verordnung (EG) Nr. 889/2008 der Kommission vom 5. September 2008 mit Durchführungsvorschriften zur Verordnung (EG) Nr. 834/2007 über die ökologische/biologische Produktion und die Kennzeichnung von ökologischen/biologischen Erzeugnissen hinsichtlich der ökologischen/biologischen Produktion, Kennzeichnung und Kontrolle (ABl. EG Nr. L 250 vom 18.09.2008, S. 1).

[2] Richtlinie 2008/120/EG des Rates vom 18.Dezember 2008 über Mindestanforderungen für den Schutz von Schweinen (kodifizierte Fassung, ABl. EG Nr. L 47 S. 5).http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2001:316:0036:0038:DE:PDF

[3]  Trei, G., Hörning, B. und Simantke, C. (2005): Status Quo der ökologischen Geflügelhaltung in Deutschland. In: Heß, J. und Rahmann, G. (Hrsg.): Beiträge zur 8. Wissenschaftstagung ökologischer Landbau, Kassel, S. 315 f., www.orgprints.org/3643/ http://www.orgprints.org/3682/

[4] www.oekoregelungen.de > Deutschland > Private Richtlinien.http://www.orgprints.org/3643/

[5] Keppler, C. (2004): Zucht. In: Deerberg, F., R. Joost-Meyer zu Bakum und M. Staack (Hrsg.): Artgerechte Geflügelerzeugung. Fütterung und Management. Bioland Verlags GmbH, Mainz, S. 76–81.http://www.oekoregelungen.de/private_richtlinien.php?id=205

[6] Ivemeyer, S. et al. (2008): Auswirkungen einer zweijährigen Bestandesbetreuung von Milchviehbeständen hinsichtlich Eutergesundheit, Antibiotikaeinsatz und Nutzungsdauer. Schweizer Archiv für Tierheilkunde, 150 (10), S. 499–505.http://ec.europa.eu/food/fs/sc/scah/out39_en.pdf

[7] Schneider, C. (2010): Dimensionierung und Gestaltung von Laufställen für behornte Milchkühe unter Berücksichtigung des Herdenmanagements. Dissertation am Fachgebiet Nutztierethologie und Tierhaltung des Fachbereichs ökologische Agrarwissenschaften, Universität Kassel.
kobra.bibliothek.uni-kassel.de/bitstream/urn:nbn:de:hebis:34 2011112339751//DissertationClaudiaSchneider.pdf

Scientific committee on animal health and animal welfare (2000): The welfare of chickens kept for meat production. European Commission, SANCO.B.3/AH/R15/2000, http://ec.europa.eu