20. Warum werden Bio-Produkte ohne Gentechnik hergestellt? Ganzheitliche Lösungen anstelle riskanter Technologien

Der Einsatz der Gentechnik in der ökologischen Lebensmittelwirtschaft ist gesetzlich verboten und widerspricht dem Selbstverständnis der Branche. Die Nutzung der Gentechnik in der Landwirtschaft (Agro-Gentechnik) birgt erhebliche Risiken. Die Bauern führt sie in neue Abhängigkeiten. Ihr Einsatz zwingt Öko-Produzenten zu umfangreichen und kostspieligen Sicherungsmaßnahmen. Trotz aller Bemühungen können Verunreinigungen von Öko-Lebensmitteln nicht gänzlich ausgeschlossen werden.

Die Mehrheit der Bevölkerung lehnt Gentechnik ab. Zahlreiche Regionen und landwirtschaftliche Betriebe in Europa haben sich zu gentechnikfreien Regionen erklärt, um auch künftig eine Landwirtschaft ohne Gentechnik sicherstellen zu können.
Die Mehrheit der Bevölkerung lehnt Gentechnik ab. Zahlreiche Regionen und landwirtschaftliche Betriebe in Europa haben sich zu gentechnikfreien Regionen erklärt, um auch künftig eine Landwirtschaft ohne Gentechnik sicherstellen zu können.

Öko-Landbau lehnt die riskante technologische Manipulation der Natur ab

Der ökologische Landbau hat seine Wurzeln in einer ganzheitlichen Betrachtung natürlicher Zusammenhänge, in der die Natur als nicht beliebig manipulierbar begriffen wird (» Frage 1; » Frage 2). Die Agro-Gentechnik hingegen folgt dem Prinzip der technologischen Machbarkeit und betrachtet Lebewesen als willkürlich zerleg- und veränderbares Material. Anders als bei der klassischen Züchtung, in der das gesamte Erbgut zweier Individuen der gleichen oder sehr nahe verwandten Art miteinander kombiniert wird, zerstückelt und isoliert die Gentechnik das Erbmaterial und überträgt es sogar über Artgrenzen hinweg. So wurden beispielsweise den durch Gentechnik schädlingsresistenten Maissorten Gene des Bodenbakteriums Bacillus thuringiensis (Bt) eingebaut (» Frage 10). Die reduktionistische Problemlösung der Agro-Gentechnik wird den komplexen Ursache-Wirkungs-Beziehungen in der Natur langfristig nicht gerecht [1]. Zudem nimmt sie unkalkulierbare ökologische und gesundheitliche Risiken [2; 3; 4] sowie hohe Folgekosten in Kauf [5; 6].

Risiken und vermeintliche Vorteile der Gentechnik

Teile der Forschung und die Anwendung der Agro-Gentechnik finden in der freien Natur statt. Eine Ausbreitung und Vermehrung der gentechnisch veränderten Organismen (GVO) lässt sich weder ausschließen, noch kann sie rückgängig gemacht werden; Rückholpläne sind kein Bestandteil der Forschung, Entwicklung und Prüfung von Gentechnik-Pflanzen. Das wird besonders dann zum Problem, wenn sich herausstellen würde, dass Risiken übersehen wurden. Zudem sind traditionelle Kultur- und Wildpflanzen von Auskreuzungen bedroht, die zu unwiederbringlichen Verunreinigungen führen können [3].
80 % der derzeit verwendeten GV-Pflanzen verfügen über eine Toleranz gegen spezielle Totalherbizide (Unkrautvernichtungsmittel). Ackerunkräuter werden durch diese fast komplett vernichtet, wodurch zugleich Insekten – und in der Folge Vögeln und anderen Tieren – Nahrungsquellen entzogen werden. Die Gentechnik verstärkt das durch die herkömmliche Intensiv-Landwirtschaft bedingte Artensterben [4].
Das Versprechen der Gentechnik-Industrie, dass Spritzmittel eingespart werden, wird nicht gehalten: Durch den Einsatz der Totalherbizide bilden sich bei Unkräutern zunehmend Resistenzen aus, die mit immer mehr Spritzmitteln bekämpft werden müssen [7; 8].
Einige Gentechnik-Pflanzen, so der GV-Mais, der bereits in Deutschland angebaut wurde, produzieren fortwährend ein Insektengift zur Schädlingsabwehr. Die Auswirkungen auf „Nichtzielorganismen“ sind noch nicht abschließend geklärt. Studien zeigen negative Einflüsse z. B. auf Regenwürmer und Falter [9; 10]. Die hohe Verbreitung der GV-Pflanzen, die Insektengifte produzieren, hat in den USA bereits zu Resistenzen der Schädlinge geführt. Es werden nun zusätzliche Spritzungen mit Insektiziden empfohlen [11].

Gentechnik bietet keine nachhaltige Lösung des Hungerproblems

Die Ursachen des Hungers sind weit komplexer, als dass sie sich mit speziellen Eigenschaften bestimmter Pflanzen beheben lassen würden (» Frage 27). Durch die hohen Kosten genmanipulierten Saatguts sowie das Verdrängen heimischer, angepasster Sorten und Anbauverfahren besteht die Gefahr neuer Abhängigkeiten für Menschen mit geringen finanziellen Mitteln. In Argentinien hat der verstärkte Anbau von GV-Soja das Hungerproblem verschärft, da Kulturen für die lokale Versorgung zurückgedrängt wurden. Entwicklungshilfeorganisationen sprechen sich klar gegen die Agro-Gentechnik aus [12; 13]. Ein Großteil der Gentechnik-Pflanzen wandert nicht in die Mägen hungernder Menschen, sondern wird zur Energieerzeugung oder Tierfütterung verwertet.

Gefahr von Verunreinigungen und Verteuerung von Bio-Produkten

In der Öko-Lebensmittelwirtschaft ist die Anwendung der Gentechnik verboten. Betriebsinterne Qualitätssicherungsmaßnahmen, das Öko-Kontrollsystem (» Frage 5) und die staatliche Lebensmittelüberwachung gewährleisten die Einhaltung dieses Verbots. Bei einer Ausweitung des Anbaus von GV-Pflanzen steigt jedoch das Risiko einer Kontamination von Öko-Produkten. Da der Öko-Landbau eingebunden in seine Umgebung wirtschaftet, kann die Verunreinigung mit GVO, etwa durch Pollenflug von Nachbarfeldern sowie unbeabsichtigte Vermischungen bei Ernte, Transport oder Verarbeitung, nicht hundertprozentig ausgeschlossen werden.
Um Bio-Produkte gegen Gentechnik-Einträge zu sichern, sind umfangreiche und kostspielige Qualitätssicherungsmaßnahmen notwendig [14]. Ferner müssen Landwirte frühzeitig Beweise sichern und Maßnahmen dokumentieren, um sich gegen mögliche Schäden absichern zu können. Die Gesetze ordnen diesen zusätzlichen Aufwand nicht den Verursachern zu. Daher müssen die Mehrkosten von denen getragen werden, die Gentechnik-Pflanzen nicht nutzen. Das verteuert Produkte derer, die bewusst auf Gentechnik verzichten [5; 6].

Geringe wirtschaftliche Bedeutung der Agro-Gentechnik

Seit 1996 werden gentechnisch veränderte Pflanzen – fast ausschließlich Soja, Mais, Baumwolle und Raps – kommerziell angebaut. Weltweit im Jahr 2011 auf ca. 11 % aller Ackerflächen. Rund drei Viertel der Gentechnik-Pflanzen werden in den USA (43 %), Brasilien (18 %) und Argentinien (14 %) angebaut. In Europa hat ihr Anbau bislang kaum wirtschaftliche Bedeutung [15].
GV-Pflanzen sind im Gegensatz zu herkömmlichen Gewächsen über Patente geschützt. Damit können bedeutende Rechte von Bauern, wie bspw. der Nachbau des Saatgutes, eingeschränkt werden. Die sehr aufwendige und teure Anmeldung von Patenten auf Pflanzen und die Zulassung von GV-Pflanzen können sich nur einige wenige weltweit operierende Unternehmen leisten. Ein einziges Unternehmen (Monsanto) bestimmt allein 80 % des Weltmarktes für GV-Pflanzen. Die Konzentrationsprozesse in der Saatgutbranche und die Verringerung der Nutzpflanzenvielfalt werden so weiter beschleunigt. Häufig ist bei GV-Pflanzen der Einsatz bestimmter Herbizide aus dem Konzern des Saatgutproduzenten vorgeschrieben.
Von den 15.500 Beschäftigten, die die Gentechnik-Branche in Deutschland 2010 zählte, sind nur ca. 700 der Agro-Gentechnik zuzuordnen [16; 17]. Insgesamt sind keine positiven Arbeitsplatzeffekte von der Technologie zu erwarten, da Arbeitsplatzzuwächse im Bereich der Forschung durch Rationalisierungen im Bereich der Landwirtschaft und mittelständischen Saatgutwirtschaft überkompensiert werden.

Quellen, weiterführende Literatur und Links:

[1] Wang, S. et al. (2006): Tarnishing Silver Bullets. Bt Technology Adoption, Bounded Rationality and the Outbreak of Secondary Pest Infestations in China. Abrufbar unter http://ageconsearch.umn.edu/handle/21230   

[2] BÖLW (Hrsg.) (2011): Risiken mit amtlichem Siegel: Mängel bei der Zulassung gentechnisch veränderter Pflanzen. Verfügbar unter www.boelw.de > Dokumente > Dossiers und Positionspapiere

[3] Quist, D. und Chapela, I. H. (2001): Transgenic DNA introgressed into traditional maize landraces in Oaxaca, Mexico. Nature 414, S. 541–543, abrufbar unter www.cnr.berkeley.edu > Search,
www.gepolicyalliance.org/pdf/ quist_chapela2001.pdf    

[4] Die „Farm-Scale-Evaluation“ umfasst eine Reihe Studien zu den Auswirkungen von Gentechnik-Pflanzen. Eine deutsche Auswertung ist verfügbar über: www.informationsdienst-gentechnik.de > Bibliothek > Biodiversität

[5] BÖLW (Hrsg.) (2009): Schadensbericht Gentechnik. www.boelw.de > Dokumente > Dossiers und Positionspapiere

[6] FoE Europe (Hrsg.) (2011): The socio-economic effects of GMOs€– Hidden costs for the food chain, www.foeeurope.org > Campaigns > GMO

[7] Benbrook, C. M.
(2009): Impacts of Genetically Engineered Crops on Pesticide Use: The First Thirteen Years; abrufbar unter www.organic-center.org, www.organic-center.org/reportfiles/13Years20091116.pdf

[8] Grube, A., Donaldson, D., Kiely, T., Wu, L (2011): Pesticides industry sales and usage. 2006 and 2007 market estimates. EPA, Washington, D.C.,

[9] Lang, A. und Vojtech, E. (2006): The effects of pollen consumption of transgenic Bt maize on the common swallow-tail, Papilio machaon L. (Lepidoptera, Papilionidae). Basic and Applied Ecology 7 (4): 296–306, www.sciencedirect.com/science/article/

[10] Vercesi, M. L., Krogh, P. H. und Holmstrup, M. (2006): Can Bacillus thuringiensis (Bt) corn residues and Bt-corn plants affect life-history traits in the earthworm Aporrecto-deacaliginosa? Applied Soil Ecology 32/2, S. 180–187, abrufbar unter www.blauen-institut.ch,
www.blauen-institut.ch/tx_blu/tp/tpg/g1392_regenwurm.pdf

[11] Gassmann, A. J., Petzold-Maxwell, J. L., Keweshan, R. S., Dunbar M. W. (2011): Field-Evolved Resistance to Bt Maize by Western Corn Rootworm. PLoS ONE 6(7): e22629.doi:10.1371/journal.pone.0022629, www.plosone.org/article/

[12] Misereor: www.misereor.de > Presse

[13] Brot für die Welt: „Grüne Gentechnik taugt nicht zur Hungerbekämpfung“, www.brot-fuer-die-welt.de > Positionspapier

[14] BÖLW und Forschungsinstitut für biologischen
Landbau
(Hrsg.) (2012): Praxishandbuch „Bioprodukte ohne Gentechnik“

[15] International Service for the Acquisition of Agri-biotech Applications (ISAAA) www.isaaa.org, Informationsdienst Gentechnik: www.informationsdienst-gentechnik.de: Dossiers > Gentechnik-Statistiken, www.isaaa.org/, www.keine-gentechnik.de/dossiers/anbaustatistiken.html

[16] Verfügbar über www.bund.net

[17] biotechnologie.de (2011): Die Deutsche Biotechnologie-Branche 2011. Abrufbar unter www.biotechnologie.de, www.biotechnologie.de/BIO/Navigation/DE/