27. Kann ökologischer Landbau die Welt ernähren? Chance für die Ernährungssicherung in Entwicklungsländern

Die Methoden der ökologischen Landwirtschaft lassen sich sehr gut mit althergebrachten Bewirtschaftungsformen in Entwicklungsländern verbinden: Aufbauend auf das Bestehende bewirken leistungsfähige Sorten, durchdachter Mischfruchtanbau, intelligente Techniken zum Management von Beikraut und Schädlingsbefall und andere Maßnahmen erstaunliche Ertragssteigerungen und so eine wesentlich bessere Versorgung der ländlichen Bevölkerung mit Nahrungsmitteln. Anders als auf intensiv bewirtschafteten Äckern Europas sorgen die Methoden des Öko-Landbaus auf ertragsschwachen Standorten für nachhaltige Produktivitätssteigerungen. Zugleich sichern sie die Unabhängigkeit der Bauern vom Einsatz teurer Betriebsmittel wie synthetischer Dünger oder Pestizide.

Hunger als Verteilungsproblem

Die Weltgemeinschaft hat versagt und weiß dies auch: Anstatt – wie geplant – mit vereinten Kräften die Zahl der Hungernden zu reduzieren, ist sie gestiegen. Fast eine Milliarde Menschen hungert auch heute noch. Etwa zwei Milliarden Menschen leiden an einer Unterversorgung bestimmter Nährstoffe, weil sie sich nicht im erforderlichen Umfang abwechslungsreich ernähren können. Mit vielen farbigen Grafiken und Tabellen ist der Hunger auf den Internetseiten der Food and Agriculture Organisation of the United Nations (FAO) ländergenau vorbildlich und detailliert aufbereitet. Dass das Problem größer statt kleiner wird, beweisen viele zackige, im Ganzen aber steigende Kurven [1; 2]. Problem erkannt, Problem gebannt? Dem ist offensichtlich nicht so. Doch immerhin scheint die Erkenntnis zu wachsen, dass alte Strategien durch neue ersetzt werden müssen. Zögernd und tastend erkennen immer mehr Player im Welternährungsumfeld, was zu tun wäre – und sagen dies auch.
Der Weltagrarbericht [3] löste eine große Diskussion aus, die sich auch in zahlreichen Studien, Artikeln und Publikationen niederschlug. Deren Tenor lässt sich mit einem Zitat von Gerald Herrmann, das zum Untertitel des Buches zur Welternährung von Felix zu Löwenstein wurde, am besten umschreiben: „Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr.“ [4].

Mischkulturen sind ein wichtiges Element nachhaltiger Ernährungssicherung, so wie hier in einem Dorf bei Malirana, Malawi.
Mischkulturen sind ein wichtiges Element nachhaltiger Ernährungssicherung, so wie hier in einem Dorf bei Malirana, Malawi.

Öko-Landbau verbessert die Nahrungsmittelproduktion und Einkommenssituation

Zwei Drittel der Hungernden leben auf dem Land. Ein Weg, dort den Hunger zu bekämpfen, ist der Einsatz des Methodenrepertoires der ökologischen Landwirtschaft. Eine Studie des Forums Umwelt und Entwicklung belegt, dass der Öko-Landbau Bauern, die mit traditionellen Methoden wirtschaften und kaum externe Betriebsmittel einsetzen (können), die Möglichkeit für direkte Ertragssteigerungen und somit Einkommensverbesserungen bietet [5]. Nicht nur die praktischen Erfahrungen in der Entwicklungsarbeit, sondern zunehmend auch wissenschaftliche Untersuchungen untermauern diese Einschätzung. Die Auswertungen von 208 landwirtschaftlichen Projekten gingen in die SAFE-World-Studie ein. Jedes der untersuchten Projekte musste definierten Nachhaltigkeits- und Öko-Kriterien genügen, die allerdings nicht immer exakt der Definition des ökologischen Landbaus nach EU-Öko-Verordnung entsprechen. Die detaillierte Auswertung knapp der Hälfte der Projekte, die sich durch eine sehr gute Datenbasis auszeichneten, ergab: Bei 76 Projekten, an denen insgesamt 4,42 Mio. Landwirte beteiligt waren, kam es zu einer durchschnittlichen Mehrproduktion an Nahrungsmitteln von 1,71 t pro Haushalt und Jahr, bei einem sehr niedrigen Ausgangsertrag von 2,33 t. Bei weiteren 14 Projekten zur Erzeugung von Hackfrüchten, bei denen insgesamt 146.000 Bauern beteiligt waren, kam es zu einer Mehrproduktion von 16,49 t pro Haushalt und Jahr (bisheriger Ertrag ca. 11 t) [6].
Zu ausgesprochen positiven Bewertungen der jeweils untersuchten Projekte kommt auch das Wissenschaftlerteam Parrot und Marsden von der Cardiff Universität in einer Studie, in der sie viele bereits vorhandene Studien sammelten und untersuchten. Sie ermittelten Produktionszuwächse in den verschiedensten Projekten von Nepal bis Brasilien zwischen minimal etwa 10 und maximal rund 250 %. In der Regel lagen die erzielten Ertragssteigerungen zwischen 20 und 30 % [7]. Weitere Studien in China, Indien sowie in sechs lateinamerikanischen Ländern zeigen, dass Landwirte nach der Umstellung auf ökologischen Landbau höhere Einkommen erzielten und einen besseren Lebensstandard erreichten [8].
Auch eine auf den Philippinen durchgeführte Studie unterstrich diese Erkenntnisse mit weiteren Mut machenden Zahlen: Nachdem sie ökologische Anbaumethoden eingesetzt hatten, fanden 88 % der Landwirte Jahre später, dass sich ihre Situation verbessert hätte. Ihre Eigenkapitalbildung lag deutlich über der der untersuchten Vergleichsgruppe, die ihre Betriebe nicht umgestellt hatte [4; 9].

Hochleistungspflanzen fehl am Platz

Insbesondere in den Tropen kann der ökologische Landbau unter bestimmten Bedingungen auch im direkten Vergleich mit intensiver konventioneller Landwirtschaft besser abschneiden. So wird beispielsweise in den feuchten Tropen die maximale Produktion durch die Bodenqualität begrenzt. Die für die ideale Ertragsentwicklung von Hochleistungspflanzen erforderliche große Nährstoffmenge kann dort auch mit synthetischem Dünger oft nicht erbracht werden, weil die Fähigkeit des Tropenbodens, diese Nährstoffe wenigstens so lange zu halten, bis die Pflanze sie aufnimmt, um einen Faktor 4 bis 5 unter der von Böden der gemäßigten Zone liegt. Auch eine gentechnische Veränderung des Saatguts kann diese Leistungsobergrenze der Agrar-Öko-Systeme nicht weiter anheben; ökologischer Landbau verbessert dagegen langfristig durch Anreicherung von Humus die Fähigkeit der Böden, Nährstoffe zu speichern. Außerhalb der feuchten Tropen, etwa in den Trockensavannen, besteht das Problem oft in der begrenzten Wasserspeicherfähigkeit der Böden. Auch hier kann die Erhöhung des Humusanteils im Boden die Situation langfristig zumindest stabilisieren, wenn nicht verbessern [10].

Chancen und Grenzen des Öko-Landbaus in Entwicklungsländern

Der große Erfolg ökologischer Landwirtschaft in den unterschiedlichsten Entwicklungsländern kann vor allem mit den vielen verschiedenen Wegen erklärt werden, über die diese Art des Landbaus für die Menschen positive Wirkungen entfaltet: Durch den Verzicht auf synthetische Pestizide und Düngemittel werden zunächst Kosten gespart – der häufig erforderliche Mehreinsatz von Arbeitszeit spielt in vielen Entwicklungsländern finanziell kaum eine Rolle. Durch intelligente Substitutionsmaßnahmen dieser Produktionsmittel steigen die Erträge, durch langfristige Bodenverbesserung wird der Erosion und sonstiger Bodenzerstörung begegnet und meist zugleich das Wassermanagement verbessert.
Nicht zuletzt sorgt die erforderliche Einbeziehung der Landwirte in die anzuwendenden Verfahren, für die sie geschult werden, für eine Stärkung der Eigenverantwortung und Motivation zu mehr Beteiligung. So verringert allein schon der Anbau von verschiedenen Nutzpflanzen statt nur einer Art die Gefahr eines Totalausfalls der Ernte in klimatisch schwierigen Gegenden. Nichtsdestotrotz kann der ökologische Landbau als Mittel zur Hungerbekämpfung nicht greifen, wenn das eigentliche Problem nicht in der landwirtschaftlichen Produktion liegt, sondern soziale und politische Ursachen hat.

Quellen, weiterführende Literatur und Links:

[1] www.fao.org > Publications and Documents.

[2] TAB (2011): Forschung zur Lösung des Welternährungsproblems – Ansatzpunkte, Strategien, Umsetzung. Endbericht zum TA-Projekt. Berlin.

[3] IAASTD (2009): Acricultureat at a Cross.

[4] zu Löwenstein, F. (2011): Food Crash – Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr, Pattloch, München.

[5] Forum Umwelt & Entwicklung (Hrsg.)(2005): Ökologische Landwirtschaft – Ein Beitrag zur nachhaltigen Armutsbekämpfung in Entwicklungsländern. Bonn, in deutscher und englischer Fassung abrufbar unter www.forumue.de > Publikationen.

[6] Pretty, J. und Hine, R. (2001): Reducing Food Poverty with Sustainable Agriculture: A Summary of New Evidence. Final Report from the „SAFE-World“-Research Project, University Essex; eine Zusammenfassung des „SAFE-World“- Abschlussberichts mit einer Darstellung der Kernaussagen und zahlreichen Projektbeispielen liegt in deutscher Sprache als Buch vor: Greenpeace e.V. (Hrsg.) (2001): Ernährung sichern. Nachhaltige Landwirtschaft – eine Perspektive aus dem Süden. Brandes & Apsel, Frankfurt a. M.

[7] Parrott, N. und Marsden, T. (2002): The real green revolution. Organic and agroecological farming in the South. Greenpeace Publications, London, www.greenpeace.de > Publikationen > Archiv > 2002.

[8] ifad (2005): Organic Agriculture and Poverty Reduction in Asia: China and India Focus. Report No. 1664, Rom, www.ifad.org > Evaluation > Thematic evaluations > Organic agriculture and poverty reduction.

[9] Bachmann, L., Cruzada, E. und Wright, S. (2009): Food Security and Farmer Empowerment, A study of the impacts of farmer-led sustainable agriculture in the Philippines, MASIPAG and MISEREOR: Los Banos, Philippines.

[10] Spangenberg, J. H. (2002): Gentechnik und Welternährung. Versprechen macht nicht satt. Diskurs Grüne Gentechnik. Dritte Diskursrunde: Nutzen und Risiken für Verbraucher und Produzenten. 11. und 12.6.2002, Magdeburg. Vollständige Dokumentation zum Diskurs: www.transgen.de > Diskurs Grüne Gentechnik.