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Veranstaltung

Dokumentation: Europäischer Bio-Kongress | European Organic Congress

Die IFOAM Organics Europe und der BÖLW diskutierten anlässlich des Starts der deutschen EU-Ratspräsidentschaft die Zukunft der Land- und Lebensmittelwirtschaft

Vom 1. bis 3. Juli 2020 begrüßten der europäische Bio-Dachverband, IFOAM Organics Europe, und der deutsche Bio-Dachverband, Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), anlässlich des Starts der deutschen EU-Ratspräsidentschaft hunderte Teilnehmende zum Europäischen Bio-Kongress (European Organic Congress, EOC). Das digitale Event verfolgten Akteure aus aller Welt.

Unter dem Kongress-Motto „Organic in Action“ diskutierten IFOAM und BÖLW mit Zuschauerinnen und Panelgästen aus Politik, Forschung, Land- und Lebensmittelwirtschaft und Gesellschaft aktuelle Themen, die den Sektor in Europa bewegen. Auf der Agenda standen der neue European Organic Action Plan, die Reform der Gemeinsamen EU-Agrarpolitik, ein Update zur neuen EU-Öko-Verordnung und die Zukunft von Ernährung und Landwirtschaft nach Corona. Das Gastgeberland Deutschland berichtete von seinen Erfahrungen mit der Zukunftsstrategie Ökologischer Landbau.

Bleiben Sie auf dem Laufenden über die nächste Ausgabe des Europäischen Bio-Kongresses - besuchen Sie www.organic-congress-ifoameu.org und folgen Sie @OrganicsEurope und @boelwtermine auf Twitter.


Dokumentation

Lassen Sie die drei Tage des digitalen Europäischen Bio-Kongress (EOC 2020) Revue passieren:

Statements

1. Juli 2020 | Opening Session: Organic in Action - Get inspired!

Jan Plagge, Präsident von IFOAM Organics Europe, begrüßte die zugeschalteten Gäste aus der ganzen Welt und zeigte sich zuversichtlich: Mit dem Green Deal und der Farm to Fork-Strategie sähe er beste Chancen, den aktuellen Herausforderungen zu begegnen: Klimakrise, Verlust der Artenvielfalt, Sterben der Bauernhöfe wie auch die Wirtschafts- und Gesundheitskrise. Bio hätte Antworten und würde zurecht im Mittelpunkt der ökologischen Transformation in Europa stehen.

Julia Klöckner, Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, betonte in ihrem Grußwort, die Gemeinsame EU-Agrarpolitik (GAP) müsse zielorientierter gestaltet werden. Die Ratspräsidentschaft böte dazu eine große Gelegenheit und sei auch eine große Verantwortung. Klöckner wies darauf hin, dass Umweltleistungen der Bäuerinnen und Bauern nicht kostenfrei geliefert werden. Was Bio in Deutschland angeht, dürfte man jetzt nicht nachlassen und hätte noch einen Weg vor sich auf dem Kurs hin zum Ziel 20 % Ökolandbau bis 2030.

Felix Prinz zu Löwenstein, BÖLW-Vorsitzender, ergänzte, dass das festgeschriebene Ziel der europäischen Fram to Fork-Strategie, 25 % Ökolandbau bis 2030, gut - aber angesichts der drängenden gesellschaftlichen Herausforderungen nicht genug sei. Es müsse die gesamte Landwirtschaft nachhaltiger werden und Europas Regierungen könnten das Potenzial von Bio für diese Transformation für sich nutzen.

Anschließend eränzten zwei Pecha Kucha-Vorträge den Kongress Kick-off:

Anu Aarolaakso vom finnischen Savo Consortium for Education beschrieb die große Bedeutung von Bio in der Gemeinschaftsverpflegung. Die Kantinen hätten eine wichtige Rolle für die Lebensmittelproduktion, weshalb die finnische Regierung beschlossen hat, mehr Bio in die Schulverpflegung zu bringen. Aktuell seien etwa 1400 Küchen in das Projekt eingebunden.

François Jégou, leitender Experte des Projekts URBACT BioCanteens, berichtete über das europaweite Netzwerk, das zum Ziel hat, Bio-Essen in die Schulen zu bringen – von Portugal über Frankreich bis nach Rumänien. Jégou betonte das große Potenzial, dass Schulen böten, um eine vielfältige Ernährungskultur von Kindesbeinen an zu etablieren. Für die Regierenden sei die Bio-Gemeinschaftsverpflegung der ideale Ansatzpunkt, um für eine nachhaltige Verpflegung zu sorgen. Wichtig sei es, die gesamte Wertschöpfungskette im Blick zu haben.

1. Juli 2020 | Das neue Bio-Recht: Wie der Übergang gelingt | New Organic Regulation: Are you ready for it?

Nicolas Verlet, Leiter der Öko-Abteilung der EU-Kommission, berichtete über den Stand des neuen Bio-Rechts. Verlet betonte, dass aktuell mit den Kontroll- und Importregeln sehr entscheidende Rechtsakte ausgearbeitet würden. Die intensive Zusammenarbeit würde weiter fortgesetzt, um ein gutes Ergebnis zu erreichen. Der Kommissionsvertreter bestätigte, dass der EU-Gesetzgeber aktuell prüfe, ob die Anwendung des neuen Bio-Rechts um ein Jahr, auf den 1.1.2022, verschoben werden könne.

Marian Blom, Vizepräsidentin von IFOAM Organics Europe, zeigte sich zufrieden darüber, dass das Herz der bestehenden Produktionsregeln auch in der neuen Öko-Verordnung weiterschlage. Gut sei, dass Bio-Pflanzen auch weiterhin im gewachsenen Boden und nicht in Hydrokultur wachsen werden. Blom betonte, dass die Auswirkungen des neuen Bio-Rechts in Gänze erst in einigen Jahren abgeschätzt werden könnten. Wichtig sei, die Öko-Verordnung fit für die Zukunft zu machen, um Bio weiter auszuweiten.

Georg Eckert, Präsident des European Organic Certifiers Council (EOCC), sah für die neuen Kontrollregeln noch einige Herausforderungen wie etwa das Vorhandensein nicht zugelassener Stoffe, die Regeln für Einfuhren aus Drittländern oder die neu eingeführte Gruppenzertifizierung. Eckert begrüßte, dass die jährliche Kontrolle Teil des Bio-Rechts bleibt aber eine stärkere Risikoorientierung bei der Kontrolle ermöglicht wird. Grundsätzlich sei mehr Zeit notwendig, um alle Fragen zur Kontrolle mit der notwendigen Tiefe zu diskutieren und gut zu lösen.

Michel Reynaud, IFOAM Organics Europe-Repräsentant für Zertifizierung, kommentierte den anstehenden Paradigmenwechsel bei den Importregeln im neuen Bio-Recht von der Gleichwertigkeit zur Gleichheit – was bedeutet, dass das Bio-Recht künftig auch in Drittländern eins zu eins angewendet werden müsse. Damit hat Europa eine noch höhere Verantwortung für Bäuerinnen und Bauern im globalen Süden. Auch wenn die Herausforderung groß ist die besonderen Bedingungen in allen Weltregionen beim Bio-Recht mit zu denken, hat der Konformitätsansatz aus seiner Sicht aber auch Vorteile, da es weniger unterschiedliche Standards in den einzelen Ländern geben wird.

2. Juli 2020 | 25 % Bio-Fläche bis 2030: Wie trägt die GAP bei? | 25 % Organic Land by 2030: How can the CAP contribute?

Wolfgang Burtscher, Generaldirektor der Generaldirektion Landwirtschaft (DG AGRI) in der EU-Kommission, wies auf die Lehren der COVID-19-Pandemie hin: Man sähe klar und deutlich, dass mehr auf Resilienz gesetzt werden müsse. Die Farm to Fork- und Biodiversitätsstraregie böten eine große Gelegenheit für Europa, einen Satz nach vorn aus der Krise heraus zu machen. Man müsse dazu auch nicht von Null beginnen, sondern auf Bio setzen. Deshalb forciere die EU das 25 %-Öko-Ziel bis 2030. Öko könne zum Grundpfeiler des europäischen Ernährungssystems avancieren. Die EU-Kommission sähe viel Potenzial, um die Nachfrage nach Bio weiter zu stärken. Der europäische Öko-Akionsplan werde hier eine bedeutende Rolle spielen. Die EU-Staaten müssten in ihren nationalen Strategieplänen die EU-Ziele adressieren.

Walter Dübner vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft sagte, Deutschland wolle erreichen, dass die GAP zum Umwelt- und Klimaschutz beiträgt. Die ehrgeizigen Ziele der EU werde man dafür während der deutschen Ratspräsidentschaft diskutieren. Klar sei, dass mehr Umweltleistungen nicht kostenlos erreicht werden könnten. Die Bundesrepublik stehe dazu, 20 % Bio bis 2030 erreichen zu wollen. Auch die anderen EU-Staaten würden aufgeschlossener, was Bio-Ziele angeht.

Norbert Lins, EU-Abgeordneter und Vorsitzender des -Agrarausschusses der -Parlaments, betonte, dass 25 % Bio bis 2030 sehr ambitioniert seien – einige Staaten lägen aktuell weit unter dem EU-Schnitt von 8 %, hingegen wären andere Staaten wie Österreich gute Beispiele, wie das Öko-Ziel erreicht werden könne. In der GAP müsse es ein Mindest-Budget für Umweltleistungen geben. Viel Potenzial stecke für Lins in der Grünen Architektur, die im Europaparlament noch disktutiert wird.

Der Präsident von IFOAM Organics Europe, Jan Plagge, hob die GAP als eines der wichtigsten politischen Instrumente Europas hervor. Plagge betonte, dass die Agrarpolitik auch kein abstraktes Thema sei, sondern die Bäuerinnen und Bauern auf deren Grundlage Entscheidungen träfen, wie sie ihre Betriebe entwickeln. Die Landwirte seien offen für Veränderungen, bräuchten aber klare Leitplanken. Wichtig sei, dass die GAP einen fairen Wettbewerb gewährleiste. Die EU-Staaten müssten in ihren nationalen Strategieplänen Bio-Ziele verankern und definieren, wie sie die Bio-Produktion und -Nachfrage ankurbeln werden. Der IFOAM-Präsident wies darauf hin, dass Öko-Prämien eines der günstigsten und wirksamsten Instrumente für mehr Nachhaltigkeit seien. Die GAP müsse weg von Flächenprämien und hin zur Honorierung von Gemeinwohlleistungen. Dazu brauche es ein gesichertes Budget.

2. Juli 2020 | Bio in Action: Die Kraft eines guten Plans | Organic in Action: The power of a good plan

Für Nathalie Sauze-Vandevyver, Direktorin in der DG AGRI der EU-Kommission, stellt eine nachhaltige Landwirtschaft für die EU-Kommission und die ganze Union eine hohe Priorität dar, das zeigten der Green Deal, die Farm to Fork- und die Biodiversitätsstrategie deutlich. Die Zeit sei genau richtig, über ein Update des europäischen Bio-Aktionsplans zu sprechen. Ende diesen Jahres solle dieser veröffentlicht werden. Wichtig sei, dass die EU-Staaten den Aktionsplan unterstützen.

Thomas Fertl, IFOAM Organics Europe-Repräsentant für Landwirtschaft, begrüßte, dass Europa die Vorteile von Bio anerkennt und diese nutzt, um EU-Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Wichtig sei, dass im Organic Action Plan die Flächen- und Zeitziele ergänzt würden. Entscheidend sei auch, dass die gesamte Wertschöpfungskette mitgedacht und entsprechende Budgets im Bio-Plan eingestellt würden. Darüber hinaus müsse es eine Verzahnung mit all den Politikbereichen geben, die für Transformation eine Rolle spielen.

Jürn Sanders, Wissenschaftler am Thünen-Institut, stellte auf dem EOC den deutschen Bio-Aktionsplan – die Zukunftsstrategie Ökologischer Landbau (ZöL) – vor. Sanders betonte, dass die 20 % Ökolandbau, die sich die deutsche Bundesregierung als Ziel im Koalitionsvertrag gesetzt hätte, keine Utopie sondern möglich seien. Dafür sei aber ein wirksamer Öko-Aktionsplan notwendig, den Deutschland mit der ZöL auf den Weg gebracht habe, als Produkt einer Zusammenarbeit von 200 unterschiedlichen Akteuren. Für die ZöL waren fünf Aktionsfelder identifiziert und adressiert worden. Für die nächsten fünf bis zehn Jahre sei zudem ein Zeitplan festgeschrieben, zugleich würde die ZöL an die aktuellen Bedingungen angepasst. Aus den bisherigen Erfahrungen geht bereits hervor, dass ein Öko-Aktionsplan dann erfolgreich ist, wenn er ausreichend Ressourcen zur Verfügung stellt, wirksame Maßnahmen einfordert und Brücken baut bzw. Allianzen schmiedet mit dem konventionellen Sektor und der Zivilgesellschaft.

Alexander Beck, geschäftsführender Vorstand der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AöL), betonte mit Blick auf die Wertschöpfungskette, dass der Lebensmittelverarbeitung eine Schlüsselrolle bei der Weiterentwicklung von Bio zukommt – auch als wichtiges Bindeglied zu den Kundinnen und Kunden. Als Flaschenhals müsse die Herstellung stärker in einer nachhaltig ausgerichteten Wirtschaftsförderung und auch der Forschung berücksichtigt werden. Dies seien gute Ansatzpunkte für den europäischen Bio-Aktionsplan.

Lukas Nossol, IFOAM Organics Europe-Repräsentant für den Handel, berichtete von den Beispielen Dänemark und Italien. Diese zeigten, dass für Vorankommen von Bio eine Kombination an Maßnahmen den Erfolg brächte. Öffentliche Kampagnen würden zu einer erfolgreichen Bio-Entwicklung ebenso beitragen wie Rahmenbedingungen, die zu wahren Preisen führten oder die Stärkung von Öko in der Gemeinschaftsverpflegung. Ebenso essenziell sei es, die Bio-Verbände in den Mitgliedsstaaten zu stärken, da sie Treiber der Fortentwicklung des Sektors sind, mahnte Nossol an.

Alexander Gerber, BÖLW-Vorstand für Landwirtschaft, betonte, dass Bio-Aktionspläne für die EU-Staaten verpflichtend sein müssten. Es brauche zudem Kohärenz, etwa mit Blick auf die EU-Agrarpolitik. Denn die steuere aktuell entgegen der Bio-Ziele. Neben der Kohärenz sei auch ausschlaggebend, mehr Bio-Forschung im Aktionsplan anzulegen. Und zwar über die ganze Wertschöpfungskette, etwa Beratung für Verarbeiter oder neue Möglichkeiten für Kantinen, um auf mehr Bio zu setzen. Auch neue Konzepte wie Agroforstsysteme oder mehrjährige Kulturen sollten in den Aktionsplänen berücksichtigt werden.

3. Juli 2020 | Europas Landwirtschaft und Ernährung in der Post-Covid-19-Welt | European agriculture and resilient food systems in a post-COVID-19 world

Stella Kyriakides, EU-Kommissarin für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, betonte, dass Bio ein Eckpfeiler der Farm to Fork-Strategie für ein nachhaltiges Ernährungssystem sei. Öko böte den europäischen Bäuerinnen und Bauern ökonomische Perspektiven und erfülle die Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger von einer Produktion innerhalb der planetaren Belastungsgrenzen. 25 % Öko bis 2030 seien dabei sehr ambitioniert – aber ohne Ambition gäbe es eben auch keine Transformation. Mit den EU-Staaten müsse evaluiert werden, wie die EU-Agrarpolitik am besten genutzt werden könne, um den jeweiligen nationalen Sektor am besten voranzubringen. Entscheidend sei auch, die Nachfrage nach Bio zu stimulieren. Die EU wolle etwa den Anteil von Bio in öffentlichen Kantinen erhöhen. Die Corona-Pandemie hätte deutlich gezeigt, dass Europa ein robusteres, sicheres und nachhaltigeres Ernährungssystem brauche. Bio sei hierbei zweifelsohne ein Teil der Lösung.

EU-Agrarkommissar, Janusz Wojciechowski, stellte heraus, dass Europa die globale Führung nachhaltiger Produktion von Lebensmitteln zum Ziel hätte. Wojciechowski betonte, dass Agro-Biodiversität und eine verbesserte Wertschöpfungskette auch zu einer resilienteren Landwirtschaft beitragen könnten. Die EU-Kommission werde noch im Jahr 2020 einen Bio-Aktionsplan entwickeln – in enger Kooperation mit Mitgliedsstaaten und dem Sektor, so dass man gemeinsam die ökologische Produktion und Nachfrage wie auch das Vertrauen in Bio-Lebensmittel weiter verbessern könne.

Tassos Haniotis, Direktor für Strategie, Vereinfachung und Politische Analyse in der DG AGRI der EU-Kommission, sah mit Blick auf die Ernährungswirtschaft der Zukunft drei Schwerpunkte: 1. Müsse die Lebensmittelkette einen fairen Wettbewerb für Bio sicherstellen; 2. sei es notwendig, dass die gesamte Landwirtschaft nachhaltig werde und 3. müsse Öko als Teil der Lösung die Speerspitze für neue Methoden und deren Erprobung in der Praxis angenommen werden. Als Schlüssel für die Umsetzung der Farm to Fork-Strategie sah Haniotis Zeit, Investition und Wissen. Wichtig sei, dass in den nationalen Plänen zur Umsetzung der EU-Strategie ausreichend Ambitionen erkennbar seien. Der Kommissionsvertreter betonte, dass genügend Wissen und Erfahrungen zur Verfügung stünden – man müsse diese nun auch flächendeckend in die Praxis bringen.

Thomas Waitz, Abgeordneter im Europäischen Parlament (EP) und Co-Vorsitzender der Europäischen Grünen Partei, betonte mit Blick auf die Corona-Pandemie, wie notwendig ein Ernährungssystem sei, dass die Umwelt gesünder macht. Eine zweite COVID19-Lektion sei, dass die Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln nachhaltiger werden müsse. Ökolandbau böte hier die beste Möglichkeit, die Lebensmittelversorgung auch in Zukunft sicher zu stellen. Deshalb gebe es auch zunehmende Unterstützung für eine grünere EU-Agrarpolitik – auch aus Industrie-Kreisen. Da die GAP aktuell aber nur teilweise mit den Zielen der Farm to Fork- und Biodiversitätsstrategie übereinstimme, müsse noch viel getan werden, damit die Nachhaltigkeitsziele nicht umgangen würden.

Olivier de Schutter, Co-Vorsitzender des International Panel of Experts on Sustainable Food Systems (IPES-Food), betonte, dass ein nachhaltiges Ernährungssystem nur geschaffen werden könne, wenn man alle Ebenen – von der lokalen bis zur UN-Ebene – einbezöge. De Schutter lobte die Ambitionen der EU-Kommission, vor allem auch den umfassenden Blick über die gesamte Kette. Ein Übergang zu besserer Produktion und Ernährung gelänge mit drei Schwerpunkten: 1. das historische Produktionssystem müsse in Richtung eines agrarökologischen umgestellt werden. 2. sei es entscheidend, verschiedene Politikfelder wie Agrar, Gesundheit und Umwelt zu intergrieren, die aktuell nicht kohärent arbeiteten. Und 3. brauche es eine Governance der Transformation, die einen umfassenden Umbau über die verschiedenen Politikfelder ermögliche. Für Letzteres sei es sinnvoll, einen europäischen Ernährungsrat einzurichten, der auch die nationalen Regierung stärker einbindet.

Für Sarah Compson, Vorsitzende der Interessensgruppe der Hersteller und Händler bei IFOAM Organics Europe, zeige Corona, dass aktiver an der Krisenprävention durch die Lebensmittelproduktion gearbeitetet werden müsse. Wichtig sei dabei, dass nicht nur auf Produktivität, sondern vor allem auch auf Resilienz gesetzt würde. Bio bedeute Vielfalt – und Vielfalt mache das Ernährungssystem resilienter. Compson betonte, dass es Bio auf jedem Teller brauche und das 25 % Öko eine starke Vision für eine nachhaltige Zukunft sei. Ökolandbau liefere vielfältige Leistungen für die Gesellschaft.

Laut Sébastien Treyer, Geschäftsführer des Institute for Sustainable Development and International Relations (IDDRI), müssen die tieferen Ursachen der Krise angepackt werden und verwies dabei auf Klima und Biodiversität. Treyer stellte fest, dass die Pfade in die nachhaltige Zukunft klar definiert werden sollten. Vor der Pandemie seien wichtige Maßnahmen schlichtweg unterlassen worden, weil die Kosten zu hoch erschienen. Heute wisse man, dass der Menschheit vor allem eine nicht nachhaltige Produktion teuer zu stehen komme. Was es deshalb brauche, sei eine klare Politik, die Nachhaltigkeit voranstelle und entschlossen umsetze – mit dem Ziel, die gesamte Produktionskette umzubauen.

3. Juli 2020 | Ausblick

Felix Prinz zu Löwenstein, BÖLW-Vorsitzender, sagte: „Die Farm-to-Fork-Strategie der EU Kommission zielt darauf, den Ökolandbau in ganz Europa auf 25 % bis 2030 auszubauen. Das tut sie nicht nur, um eine attraktive Marktchance zu nutzen. Sondern weil Bio ein wichtiges Instrument ist, um Landwirtschaft und Ernährung wirksam umzubauen. Entsprechend groß ist die Verantwortung, die auf uns als Bäuerinnen, Verarbeiter, Händlerinnen in der Bio-Branche zukommt. Wir müssen auch Impulse für die dreiviertel der Betriebe setzen, die aktuell konventionell wirtschaften. Denn das zweite EU-Ziel, den Pestizidverbrauch zu halbieren, zeigt: Die gesamte Landwirtschaft und das ganze Ernährungssystem müssen entscheidend verändert werden. Dafür sind die Erfahrungen von Öko-Praxis und -Forschung Gold wert, die wir seit vielen Jahrzehnten auf dem Acker, im Stall, in der Verarbeitung und im Handel gemeinsam mit einer immer größeren Zahl von Kundinnen und Kunden machen.“

Mit Blick auf die Kongress-Statement der EU-Kommissare für Gesundheit, Stella Kyriakides, und Agrar, Janusz Wojciechowski, sowie der EU-Abgeordneten Waitz (Grüne/EFA) und Lins (EVP) betonte IFOAM Organics Europe-Präsident, Jan Plagge: „Die Politik meint es ernst. Mit EU-weit 25 % Bio bis 2030 gibt Brüssel der Transformation der Land- und Ernährungswirtschaft eine klare Richtung. Wir begrüßen den ganzheitlichen Ansatz und auch die Zielmarke für den Ökolandbau der Farm to Fork-Strategie sehr. Gerade in Krisenzeiten zeigt sich, dass wir in Zukunft deutlich stabilere Systeme brauchen. Und die Bio-Betriebe in ganz Europa und weltweit zeigen schon, wie Innovation, Effizienz, Nachhaltigkeit und Resilienz auf dem Acker, im Stall, in den Mühlen, Molkereien oder Bäckerein sowie im Handel Hand in Hand gehen können.“

10 Take-aways

  1. Hochrangige Redner der Europäischen Kommission, des Europäischen Parlaments und der deutschen EU-Ratspräsidentschaft sind sich einig, dass die Ökologische Landwirtschaft ein Teil der Lösung ist, um die Biodiversitäts- und Klimakrise zu bewältigen und unser Ernährungssystem widerstandsfähiger zu machen.
  2. COVID-19 ist nur eine kleine Probe für viel größere Krisen, wie etwa die Klima- und Biodiversitätskrise. Wir brauchen einen Übergang zu einem Agrarsystem, das nicht nur Nahrungsmittel produziert, sondern auch resilient ist und seine schädlichen Wirkungen auf die Umwelt mildert.
  3. Eine Gemeinsame Agrar- und Lebensmittelpolitik – für die die Farm to Fork-Strategie ein guter erster Schritt ist – ist entscheidend beim Übergang zu einem fairen und nachhaltigen Ernährungssystem in Europa. Sie sichert die Kohärenz unserer Umwelt-, Gesundheits-, Sozial- und Handelspolitik.
  4. Um das in der Biodiversitäts- und der Farm to Fork-Strategie festgelegte EU-Ziel von 25 % Öko-Flächen in Europa zu erreichen, sollte die Gemeinsame EU-Agrarpolitik (GAP) verpflichtende Maßnahmen für die Mitgliedstaaten vorsehen: Nationale Ziele für den Ökolandbau in ihren GAP-Strategieplänen festlegen, ausreichende Mittel für die Umstellung auf und Beibehaltung von Öko-Landbau bereitstellen und eine gerechte Entlohnung derjenigen Landwirte gewährleisten, die Gemeinwohlleistungen erbringen.
  5. Der neue europäische Öko-Aktionsplan muss auf den Erfahrungen und bewährten Verfahren früherer Pläne zur Förderung der ökologischen Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion in ganz Europa aufbauen. Die Europäische Kommission wird nach der Sommerpause eine öffentliche Konsultation einleiten.
  6. Eine einjährige Verschiebung des Inkrafttretens der neuen EU-Öko-Verordnung - vom 1. Januar 2021 auf den 1. Januar 2022 - ist notwendig, um einen reibungslosen Übergang zu gewährleisten und es Bio-Betrieben, -Unternehmen, -Kontrollstellen und zuständigen -Behörden zu ermöglichen, sich angemessen auf die Veränderungen einzustellen und vorzubereiten. Eine solche Initiative wird vom BÖLW, der IFOAM Organics Europe, anderen EU-Agrar- und Lebensmittelverbänden, den EU-Mitgliedstaaten und dem Landwirtschaftsausschuss des EU-Parlaments weitgehend unterstützt. Die Europäische Kommission prüft derzeit die Möglichkeit einer Verschiebung. 
  7. Viele Landwirte, Lebensmittelherstellerinnen und Händler machen Europa bereits ökologischer durch wirksame Initiativen, die die ökologische Produktion entlang der gesamten Wertschöpfungskette - vom Bauernhof bis auf den Tisch - fördern. Schauen Sie sich diese an auf www.euorganic2030.bio.
  8. Rund 1.000 Teilnehmer aus ganz Europa und weltweit nahmen am digitalen EOC 2020 teil, der ohne unsere Sponsoren und Unterstützer nicht möglich gewesen wäre.
  9. Die drei meistgenannten Stichworte zum Bio-Kongress und der aktuellen Situation der Branche seitens des Publikums aus der ganzen Welt waren: Zusammenarbeit, Hoffnung und Inspiration!
  10. Sie konnten nicht live am Europäischen Bio-Kongress teilnehmen, wollen den EOC noch einmal erleben oder ihn interessierten Kollegen weiterempfehlen? Dann schauen Sie sich die Kongressvideos weiter unten an, lesen die Statements der Panelgäste weiter oben oder besuchen Sie den Hashtag #EOC2020 auf Twitter

Videos

1. Juli 2020 | Opening Session - Get inspired! & New Organic Regulation: Are you ready for it?

2. Juli 2020 | 25 % Organic Land by 2030: How can the CAP contribute? & Organic in Action: The power of a good plan

2. Juli 2020 | Break Out Sessions: Making farming more resilient & Promoting more organic demand

3. Juli 2020 | European agriculture and resilient food systems in a post-COVID-19 world & Wrap-up of the EOC

Förderer:

Sponsoren

Medienpartner


Ihr Kontakt zum BÖLW

Theresa Dühn
Referentin Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungen

 +49 30 28482-311
duehn[at]boelw.de

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