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Umweltbilanz

Regional oder Bio oder beides?

Als ,regional’ ausgezeichnete Produkte sind beliebt, gelten sie doch als umweltfreundlich und heimatsnah. Womöglich ist das Marketing mit dem Label oft nur eine Spielart des Greenwashing – und das nicht nur, weil der Transport kaum ins Gewicht fällt in der Öko-Bilanz.

Was Nachhaltigkeit angeht, kommen regional ausgelobte Produkte nicht mit Bio-zertifizierten mit – auch wenn das viele meinen. Das Problem fängt bei der Definition an. Der Begriff ,regional’ ist nicht geschützt und wird nach Belieben ausgelegt. Die strengste ist „erzeugt in maximal 50 Kilometer Entfernung”, weniger streng „im selben Bundesland“ oder „aus diesem oder angrenzenden Bundesländern“ oder eben nur „in Deutschland” oder sogar „in Europa”. Das Bundesumweltministerium hat mögliche Nachhaltigkeitseffekte einer Regionalisierung von Lebensmittelketten erforschen lassen. Ergebnis: Es gibt keine eindeutigen Vorteile regionaler Systeme unter Nachhaltigkeitsaspekten. Sogar vermeintlich positive Klima-Effekte durch kurze Transportwege fallen weg aufgrund der regional oft kleineren Chargen und dadurch bedingten Effizienznachteilen gegenüber großvolumigen Ferntransporten. Empfehlung der Forschenden: Regionalität immer zusätzlich mit definierten Standards wie Bio oder Fairtrade ausloben, deren Nachhaltigkeit belegt ist.

Die Umweltwirkung eines Lebensmittels wird nämlich maßgeblich durch dessen Erzeugung bestimmt: also etwa durch den Einsatz von mit fossiler Energie hergestelltem Dünger oder durch die Verwendung von Pflanzenschutzmitteln, die Gewässer und Insekten schädigen können. Der Anteil der klimaschädlichen Emissionen von Transport und Logistik schlägt laut einer Science-Studie im Lebensmittel-Sektor mit nur sechs Prozent zu Buche. Die regionale Herkunft eines Produkts verbessert den Fußabdruck also bestenfalls geringfügig.

Zur Art der Tierhaltung gibt „Regional” keine Auskunft.

Das Futter für ein regionales Produkt tierischer Herkunft kann sogar aus Südamerika kommen, dort oft angebaut auf abgeholzten Waldflächen. Auch können die Nutztiere regional unter aus tierethischer Sicht kritischen Bedingungen gehalten werden. Und zwar derartig konzentriert, dass die anfallende Gülle das Grundwasser schädigen kann. Die hohen Nitrat-Konzentrationen in tierhaltungsintensiven Regionen zeigen, dass eine regionale Produktion hier nicht zwingend nachhaltig ist. Ob ein regionales Produkt handwerklich oder industriell hergestellt wurde, wird von einer Regional-Auslobung nicht erfasst. Angesichts der hohen Verluste an handwerklich-mittelständischen Verarbeitungsunternehmen wie etwa Bäckern in den letzten Jahrzehnten ist sogar zunehmend wahrscheinlich, dass ‚regional‘ verarbeitete Produkte aus industrieller Produktion stammen. Hier kann eine Fokussierung auf ,regional‘ sogar schädlich wirken, weil damit Angebote des Lebensmittelhandwerks aus etwas größerer Distanz in den Hintergrund gedrängt werden.

Auf der Habenseite von ‚regional‘ können kürzere Transportwege sowie Beiträge zur Wertschöpfung und Beschäftigung in der wie auch immer dimensionierten ‚Region‘ stehen. Nachhaltigkeit in der Erzeugung oder in der Verarbeitung wird damit freilich nicht adressiert. Das freiwillig nutzbare Label „Regionalfenster“ etwa weist – ebenso wie einige kleinere Regionallabel – nur aus, wo etwas erzeugt bzw. verarbeitet wurde. Über das für die Nachhaltigkeit eines Produkts entscheidende „Wie“ sagt es nichts aus. Die Art der Erzeugung und Verarbeitung und damit der Einfluss auf Mensch, Tier und Umwelt wird mit ‚regional‘ nicht adressiert. 

Fazit: Nur in Kombination mit der Biozertifizierung sind regionale Produkte zuverlässig ökologisch wertvoll. Denn im Gegensatz zu ‚regional‘ gibt es für ‚Bio‘ ein Regelwerk, das festlegt, wie Bio-Lebensmittel erzeugt und verarbeitet werden müssen, damit sie die Label der EU und der Bio-Anbauverbände tragen dürfen. Bundesländer wie Baden-Württemberg, Bayern und Hessen kombinieren zertifizierte Bioqualität mit einem eigenen Regionallabel. So wird ,regional’ zum Tüpfelchen auf dem i in ,Bio'.

Der Text basiert auf einer aktuellen Stellungnahme des zehnköpfigen Experten-Ausschusses, der das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat bei der Umsetzung der Bio-Strategie berät.


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